Blick in die Geschichte

Ein düstereres Kapitel Schweizer Geschichte findet den Weg ins bolivianische Kino. Derzeit läuft das Europäische Filmfestival in La Paz. Es wird von der Schweizer Botschaft mit dem Film «Der Verdingbub – El Criado» eröffnet. Da ich den Film in der Schweiz leider verpasst habe, freue ich mich, ihn hier in Bolivien mit spanischen Untertiteln zu sehen. Viele Schweizer sehen sich den Film an, aber auch Bolivianer und ich frage mich, wie merkwürdig das «Schwiizerdütsch» wohl in den Ohren der Bolivianer klingen mag.

Der Schweizer Film läuft im bolivianischen Kino.
Der Schweizer Film läuft im bolivianischen Kino.

Bezeichnend ist der Satz der Lehrerin im Film: «Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter». Tatsächlich ähnelt das im Film gezeigte Leben mehr dem Mittelalter als einer zivilisierten Gesellschaft. Umso unfassbarer für die bolivianischen Kolleginnen, dass dieses dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte erst 60 Jahre zurückliegt. Nochmals so lange dauert es, bis diese Vergangenheit aufgearbeitet werden kann. In der Schweiz sind über 100 000 Kinder verdingt worden. Erst im April dieses Jahres hat sich die Justizministerin offiziell im Namen des Bundesrates für das Leid, welches den Verdingkindern angetan wurde, entschuldigt. Viele wurden als billige Arbeitskräfte missbraucht und misshandelt und waren Opfer behördlicher Willkür. Die historische und rechtliche Aufarbeitung läuft noch, dazu gehört die Regelung der finanziellen Entschädigung. Ebenso so schwer vorstellbar für die Bolivianer ist es, dass in der Schweiz noch vor 60 Jahren an vielen Orten Armut und Arbeitslosigkeit herrschte. Ich habe hier einen Schweizer Unternehmer kennengelernt. Seine Familie, ursprünglich aus dem Baselbiet, ist in den 1950er Jahren genau aus diesem Grund nach Bolivien ausgewandert. «Mein Vater fand keine Arbeit in der Schweiz», erklärt er mir.

Die Lehrerin im Film versucht die Verbrechen an den Kindern anzuklagen. Doch weder der Gemeindeammann noch der Pfarrer hören auf sie. Ihre letzte Hoffnung ist ein Bericht, den sie direkt noch Bern schicken will. Doch für die kleine «Berteli» ist es bereits zu spät. Nachdem sie durch die mehrmaligen Vergewaltigungen ihres Stiefbruders schwanger wird, verabreicht ihr die Stiefmutter Rizinusöl, was zur Fehlgeburt führt. Am nächsten Tag ist das Mädchen tot. Diese Gewalt an Frauen und die Untätigkeit der Behörden erinnern mich an aktuelle Fälle in Bolivien.

Frauenmorde: Der Fall der Hanalí Huaycho
Ich bin für Página Siete daran, den Fall von Hanalí Huaycho zu recherchieren. Ein Femizid, wie er hier kein Einzelfall ist.

Laut der bolivianischen Frauenorganisation CIDEM (Centro de Información y Desarrollo de la Mujer) kam es 2012 zu 104 solcher Frauenmorde. Der Staat bietet den Opfern wenig Schutz. Die Behörden gehen Anzeigen oft gar nicht nach und die Täter bleiben unbestraft. Zwischen 2007 und 2011 wurden laut CIDEM über 247 000 Anzeigen von Frauen wegen Gewalt registriert, aber bei nur 51 Fällen kam es zu einer Verurteilung.

Hanalí Huaycho war eine Fernsehjournalistin. Sie ist von ihrem Ex-Mann Jorge Clavijo schon Jahre vor ihrem Tod immer wieder bedroht und geschlagen worden. 2008 sucht sie deswegen zum ersten Mal Hilfe bei der Fachstelle für Familienschutz. 2011 klagt sie ihren Mann bei der Polizei wegen Gewalt an. Doch ihr Fall wird nicht weiterverfolgt. Ausschlaggebend dabei dürfte sein, dass ihr Ex-Mann selber Polizist ist und die Polizei darum versucht, den Fall unter den Teppich zu kehren, um ihren Ruf zu wahren. Es stellt sich heraus, dass Huaycho insgesamt 14 Mal bei verschiedenen Behörden und Fachstellen Anklage gegen ihren Ex-Mann eingereicht hat. Genau wie die Schweizer Behörden bei den Verdingkindern wegschauten, tun es die bolivianischen Behörden im Fall von Gewalt an Frauen. Auch Huaycho ist nicht mehr zu retten. Obwohl sie ihren Ex-Mann mehrfach wegen Gewalt anzeigt, wird nichts unternommen.

Am 14. Februar 2013 wird sie in ihrem Haus von ihrem Ex-Mann durch mehrere Messerstiche ermordet. Doch die Geschichte endet noch tragischer. Laut Zeitungsberichten wird die Verletzte erst beim dritten Anlauf in einem Spital aufgenommen. Die beiden anderen seien angeblich wegen der vielen Fälle von Alkoholvergiftung aufgrund des Karnevals überfüllt gewesen.

Erst nach dem Tod der Journalistin setzen die Behörden alle Hebel in Bewegung. Sie schliessen die Grenzen und suchen mit einem internationalen Fahndungsbefehl nach dem Mörder. Die Prominenz der Journalistin und die Tatsache, dass der Mörder ein Polizist ist, bringen die Bevölkerung auf und setzen die Behörden unter Druck. Später findet man die angebliche Leiche des Polizisten. (Zu) Rasch identifiziert die Regierung den Toten als den gesuchten Mörder der Journalistin und erklärt den Fall für abgeschlossen. Huaychos Familie und deren Anwalt zweifeln daran, dass es sich bei dem Leichnam um Clavijo handelt. Neue Gutachten, die diese Zweifel unterstützen, führen dazu, dass der Fall nochmals aufgerollt wird.

Der Aufschrei, der nach dem prominenten Frauenmord durch das Land ging, resultiert schliesslich in der Verbesserung der gesetzlichen Grundlage zum Schutz der Frauen vor Gewalt. Ende Februar beschleunigt das bolivianische Parlament die Verabschiedung eines Gesetzes, das den Tatbestand des Femizids erstmals ins Strafgesetzbuch aufnimmt. Den Tätern drohen 30 Jahre Gefängnis. Die Herausforderung wird nun die Umsetzung sein.

Ausflug zum spirituellen Zentrum der «Indígenas»

Auf den Stufen des Kalasasaya-Tempels in Tiwanaku erfolgte 2006 die symbolische Amtseinführung von Evo Morales.
Auf den Stufen des Kalasasaya-Tempels in Tiwanaku erfolgte 2006 die symbolische Amtseinführung von Präsident Evo Morales.

Am Wochenende fahre ich mit Kolleginnen nach Tiwanaku. Tiwanaku bezeichnet die älteste andine Hochkultur (1580 v.Chr bis 1200 n.Chr). Der Ort ist für die indigene Bewegung ein bedeutendes, spirituelles Zentrum. Die Aymara feiern ihr Neujahrsfest, welches in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni stattfindet, an der Puerta del Sol (Sonnentor) der Tempelanlage. Ich habe Bilder gesehen von Evo Morales bei seiner symbolischen Amtseinweihung 2006 auf den Stufen der Tempelanlage und stellte sie mir aufgrund ihrer historischen Bedeutung eindrücklich vor. Seit dem Jahr 2000 zählt die Ausgrabungsstätte zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Es dauert eine gefühlte Ewigkeit bis wir nur El Alto hinter uns lassen. Die Stadt auf der Hochebene gehörte bis 1985 zu La Paz, dementsprechend sind die beiden Städte zusammengewachsen. Aber El Alto ist eine andere Welt. Die Strassen sehen alle gleich aus. Im Gegensatz zu La Paz, wo die Strassen immer auf- und absteigen, ist in El Alto alles flach. Die Backsteinhäuser sind ärmlicher als im Talkessel. Wir sehen viele Häuser, die nicht fertig gebaut sind. Meine Kolleginnen haben zwei mutmassliche Erklärungen dafür. Einerseits würden sich die Bewohner lieber materielle Dinge, wie ein modernes TV-Gerät oder Handy leisten, statt in ihr Haus zu investieren. Die andere Erklärung ist, dass die Besitzer weniger Steuern zahlen, solange die Häuser unvollendet sind.

Die Fahrt über das Altiplano, das Hochland Boliviens, ist wunderschön. Ein Wermutstropfen ist hingegen der Abfall in der Natur ausgangs El Alto. Dass Evo Morales seine Unterstützung vor allem auf dem Land hat, zeigt sich hier deutlich. In den Dörfern steht auf den Mauern der Häuser: «Evo löst sein Versprechen ein» oder «Evo Morales – Präsident für eine weitere Amtsperiode 2015 bis 2020».

Janet, unsere lokale Guía, erklärt uns die Geschichte von Tiwanaku.
Janet, unsere lokale Reiseführerin, erklärt uns die Geschichte von Tiwanaku.

Nach knapp zwei Stunden erreichen wir Tiwanaku. Es hat kaum Touristen. Wir lassen uns von der lokalen Reiseführerin Janet durch archäologische Ausgrabungsstätte führen. Zum Glück haben wir uns für eine geführte Tour entschieden, denn die Ruinen an sich geben wenig her. Ich bin ein bisschen enttäuscht, hatte ich doch aufgrund der historischen Bedeutung dieses Ortes mehr erwartet. Von der Akapana-Pyramide ist nur ein kleiner Ausschnitt mit drei der sieben Ebenen zu sehen. Bei einer Tempelanlage sind die originalen Mauern nicht mehr vorhanden und wurden nachgestellt. Beeindruckend sind jedoch die Monolithen, die rund drei Meter hohen Steinfiguren, die mit Verzierungen und Schriftzeichen bedeckt sind.

Noch dürftiger ist das «Museo Lítico». Von aussen ein ansehnliches Gebäude, ist das einzige Ausstellungsstück im Innern ein durchaus schöner Monolith. Angeblich ist es der grösste Monolith von Südamerika. Es scheint hier an Geld und/oder Entschlossenheit zu fehlen, die archäologische Fundstätte aufzuwerten.

Ein Monolith in der Tempelanlage von Tiwanaku.
Ein Monolith in der Tempelanlage von Tiwanaku.

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