Hintergrund: Das Problem mit Myanmars «R-Wort»

Seit dreieinhalb Monaten lebe ich in Myanmar. Zeit, um über das (zumindest für den Westen) heisseste Thema hier zu sprechen: Rohingyas.

Wenn ich jemanden erzähle, dass ich zurzeit als Journalistin in Myanmar arbeite, fragen immer alle: Oh, schreibst du über Rohingyas? Dies ist jedoch nicht der Grund, warum ich hier bin – während meines dreimonatigen Aufenthalts hier kann und soll ich thematisch frei über das schreiben, was ich möchte, und Myanmar ist als Journalistin aus verschiedenen Gründen hochinteressant. Dennoch ist im Ausland Myanmar vor allem wegen der Rohingya-Krise in den Schlagzeilen.

Während in Europa dieses Land vor allem erst durch San Aung Suu Kyi bekannt und deshalb zur jüngsten Demokratiehoffnung der Welt hochstilisiert wurde, so gehen die Meinungen über die effektive Macht der berühmten Burmesin, die 1991 den Friedensnobelpreis erhalten hatte, inzwischen weit auseinander. Bezüglich Rohingyas ist klar: Sie hat zu wenig getan. Die Wurzeln dieser Krise reichen jedoch weit zurück, vor ihre Zeit.

Artikel im Magazin Frontier über Rohingyas
Artikel über die Vorbereitungen zur Rückführung von Rohingyas im Magazin Frontier.

Erste Vertreibungsaktionen der muslimischen Minderheit im Gliedstaat Rakhine sollen bereits 1942 stattgefunden haben. Nicht nur nach Bangladesch, auch nach Thailand, Indonesien und Malaysia flohen Rohingyas. Im Westen spricht man aber vor allem seit letztem Jahr verstärkt über die Krise, denn im August 2017 kam es zu einem Angriff der Rebellengruppe Arakan Rohingya Salvation Army (ARSA) auf über 20 Polizeiposten in Rakhine – als Zeichen des Widerstands gegen die Diskriminierung und Unterdrückung.

Die Reaktion der burmesischen Sicherheitskräfte war unverhältnismässig brutal, Rohingya-Dörfer wurden angezündet, Frauen vergewaltigt, Männer vor den Augen der Familie erschossen, Babys ins offene Feuer geworfen. Ein Rapport der UN spricht von Genozid. Fast 700’000 Rohingyas flüchteten allein im letzten Jahr ins anliegende Bangladesch. Dieser Exodus wurde von den Medien mit eindrücklichen Bildern festgehalten.

Im Westen wird Myanmar zurzeit deshalb fast nur noch damit in Verbindung gebracht. Das hoffnungsvolle Bild, dass man sich von San Aung Suu Kyi gemalt hatte, ist zerstört. Dass sie keine echte Kontrolle über das Militär ausübt, dürfte inzwischen allen klar sein, doch dass sie die Krise in Rakhine nicht einmal anspricht, enttäuschte zahlreiche Menschen.

Artikel über Myanmar in der NZZ
Ernüchternder Artikel in der NZZ.

Propaganda auf fast allen Kanälen

Wie viel davon Kalkül, wie viel Unwissen, wie viel ihre tatsächliche Haltung widerspiegelt, bleibt unklar. Aber in Myanmar musste ich in der Tat überrascht feststellen, dass selbst gut gebildete Bürger oft auf der Seite des Militärs stehen, was die Rohingyas angeht. Sie werden nicht als Bewohner des Landes angesehen, sondern als Terroristen, die aus Bangladesch eingewandert sind. Hass und Angst sind gleichermassen verbreitet – die Propaganda funktioniert.

Radikale Mönche und Staatsmedien tragen einen Teil dazu, Facebook den anderen. Mit einer Unmenge an manipulativen Posts, in welchen Videos zeigen sollen, dass Rohingyas ihre Dörfer selbst angezündet hätten, um das Militär schlechtzumachen, wird das Volk gegen die muslimische Minderheit aufgehetzt. Inzwischen hat Facebook zwar mehrere Seiten und Profile von ranghohen Militär-Angehörigen, darunter dem obersten Befehlshaber, gesperrt. Genützt hat das aber kaum etwas.

Wie gehen Medien hier mit dem Thema um? Die Regierung hatte von den Medien (aber auch von ausländischen Diplomaten) verlangt, das Wort «Rohingya» nicht mehr zu benützen. Stattdessen solle man von Bengali oder muslimischer Minderheit sprechen. Während zwar gewisse englischsprachige Medien in Myanmar das Wort Rohingya benützen (wie etwa The Irrawaddy, Mizzima, DVB), so verwenden sie in ihren burmesischen Versionen allerdings das Wort Bengali. Das englischsprachige Magazin «Frontier» jedoch, bei welchem ich zurzeit arbeite, ist eines der wenigen Medien, welches das «R-Wort» auch in ihren burmesischen Artikeln verwendet. 

«Es ist eine sehr politische Angelegenheit», sagte mir Chefredaktor Tom. «Wenn man das Wort Rohingya verwendet, dann wird man als Pro-Rohingya betrachtet. Wenn man das Wort Bengali verwendet, dann als Pro-Regierung.» 

Ob der Verleger von «Frontier», von allen Sonny genannt, damit kein Risiko eingehe, fragte ich ihn kürzlich? «Doch, klar, ich könnte jederzeit verhaftet werden, irgendeinen Grund werden sie immer finden können», antwortete er, und spielte damit auf die verschiedenen Gesetze an, die gegen die freie Arbeit von Journalisten verwendet werden. Er setze sich dennoch für freie Berichterstattung und gegen Selbst-Zensur ein, deshalb wolle er die Dinge beim Namen nennen.

Keine freie Berichterstattung

Diese Art von Einfluss auf die Medienarbeit ist aber nur ein Faktor des Problems, der andere ist, dass es internationalen sowie nationalen Medienleuten verboten ist, auf eigene Faust ins nördliche Rakhine zu reisen, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Man darf nur im Rahmen einer von der Regierung organisierten Medienreise dorthin, welche ungefähr einmal pro Monat stattfindet.

Als ich im Oktober den Südostasien-Korrespondenten von SRF, Lukas Messmer, kurz vor seinem Antritt zu so einer Medienreise auf ein Bier in Yangon traf, war ich etwas skeptisch, was er denn Neues von dort berichten würde. Sein Beitrag zeigt aber genau das: Die Wahrheit hinter der Propaganda-Maschinerie. Die militärische Begleitung hatte alles daran gesetzt, freies Wählen der Destinationen, Planänderungen oder offene Interviews zu verhindern.

SRF-Korrespondent beim Dreh in Yangon
Dem SRF-Korrespondenten bei einem Dreh in Yangon über die Schulter geschaut. Bild: Eva Hirschi

Mit den aktuellen Repatriierungsbestrebungen von Rohingyas aus Bangladesch zurück nach Myanmar wurde Ende November eine erneute Medienreise nach Rakhine organisiert, allerdings nur für lokale Journalistinnen und Journalisten.

Eine «Frontier»-Reporterin, die selbst ursprünglich aus Rakhine stammt, nahm erwartungsvoll teil. Und kam desillusioniert zurück: «Die Reise war sehr schlecht organisiert, wir konnten kaum frei recherchieren», erzählte sie zurück auf der Redaktion.

Wenn also selbst eine Journalistin, die von dieser Region stammt, Mühe mit Recherchen hat, würde ich als Myanmar-Neuling dort kaum etwas Interessantes berichten können – mal abgesehen von einem Beitrag wie demjenigen von Lukas Messmer, der die Absurdität solcher orchestrierter Pressereisen zeigt.

Es ganz zu lassen, über das «R-Thema» zu schreiben, konnte ich während meiner Zeit hier dann aber doch nicht: Bald erscheint in «Das Magazin» ein Porträt über eine junge Rohingya-Aktivistin, die ich getroffen habe – allerdings während eines Aufenthalts in Malaysia, und ohne dass ich vorher eine Erlaubnis einholen musste.

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