Reporterin in Myanmar: Der etwas andere Redaktionsalltag

Zwischen Ehrentitel, Facebook-Nachrichten und indischen Mitternachtssnacks im Büro: Ein Einblick in meinen Alltag als Journalistin in Myanmar.

Alle zwei Wochen erscheint eine neue Printausgabe des Magazins «Frontier». Redaktionsschluss ist jeweils Montagnacht, am Dienstagmorgen geht das Magazin in den Druck. Wie wohl in den meisten Redaktionen rund um die Welt geht das auch hier nicht ganz unchaotisch zu und her – und ich fand mich auf einmal zwischen Layouter, Bildredaktion und Korrektorat wieder.

Da die Redaktion in meinen ersten Wochen hier unterbesetzt war, durfte ich die Koordination übernehmen und arbeitete mit Layouter Htun Thet Aung (den hier alle Jack nennen…) an fehlenden Bildlegenden, Quellenangaben, Platzierungen von Illustrationen und Fotos sowie Kürzungen von Texten. Ich war erfreut, dass ich so schnell so viel Verantwortung übernehmen durfte. Wenn auch dies bedeutete, dass ich bereits mehrere Male bis fast um Mitternacht auf der Redaktion blieb – immerhin mit ins Büro geliefertem indischem Abendessen.

Redaktionsschluss Montagnacht = indisches Essen im Büro. Foto: Eva Hirschi

Gedruckt wird das Magazin übrigens in zwei Teilen, am Freitag schicken wir die Rubriken News, Business und Photo Essay in den Druck, am Montag den Rest. Gegengelesen werden die Artikel natürlich von englischsprachigen Redaktoren (aus England, Australien und den USA), aber auch von einem älteren Burmesen, der – mit Lupe und Schreibtischlampe ausgestattet – vor allem auch auf die korrekte Schreibweise burmesischer Wörter achtet.

Zensurfreiheit keine Selbstverständlichkeit

Nachdem ich die letzten zweieinhalb Jahre als Freelancer gearbeitet hatte – sprich in einer unilateralen Beziehung zu meinem Laptop – genoss ich es vor allem auch, wieder in einer Redaktion eingebunden zu sein und mich nicht nur mit meinen Texten, sondern auch mit anderen journalistischen Komponenten auseinanderzusetzen. Die Arbeit erinnerte mich an meine Zeiten beim damaligen Magazin der NZZ, «NZZ Campus», wo ich ebenfalls in die Produktion des Magazins involviert war und vieles gelernt hatte, das mir nun auch in Myanmar nützlich wurde – denn so anders sieht die Arbeit hier gar nicht aus.

Insgeheim hatte ich mich aber gefragt, ob es an irgendeinem Punkt der Produktion so etwas wie eine «äussere» Kontrolle oder gar Zensur geben würde – doch dem war nicht so. Nur Korrektorat, Factchecking und Schlusskontrolle, wie in jedem professionellen Medium, jedenfalls so weit ich das beurteilen konnte. Doch das ist in Myanmar relativ neu, denn erst 2013 wurde die Zensurkontrolle vor der Publikation aufgehoben, die während des Militärregimes geherrscht hatte. Freie Medien gibt es auch erst seit 2012, das Magazin «Frontier» existiert seit 2015. Doch selbst heute sind nicht alle Medien frei von Zensur. Aber dazu mehr im nächsten Blogbeitrag.

Handwerkliche Unterschiede

Dennoch gibt es ein paar Dinge, die hier anders laufen als in einer Schweizer Redaktion. Zum Beispiel wird in einem Artikel bei der ersten Nennung des Namens einer Person immer so etwas wie der Ehrentitel angefügt. So wird für erwachsene Männer der Präfix U respektive für Frauen Daw verwendet. De facto Regierungschefin San Aung Suu Kyi wird hier also bei der Erstnennung als Daw San Aung Suu Kyi bezeichnet. Buben und Mädchen haben hingegen den Präfix Maung respektive Ma. Es gibt beispielsweise aber auch Ko, was irgendwo zwischen Junge und Mann ist, quasi älterer Bruder. Auch haben verschiedene Ethnien wiederum andere Präfixe, so wie auch Angehörige der Armee. Den Durchblick habe ich definitiv noch nicht. Was aber interessant ist: Für «westliche» Namen wird bei «Frontier» bei der Erstnennung jeweils Mrs oder Mr verwendet, also Misses oder Mister.

Foto des Büros des burmesischen Magazins Frontier
Büro des Magazins «Frontier» – Foto: Eva Hirschi

Auch beim Recherchieren gibt es Unterschiede. Während ich es mir gewohnt bin, einen Grossteil meiner Informationen im Internet zu finden, sind hier viele Websites kaum ergiebig – egal ob privat oder von der Regierung. Parlaments- und Regierungsmitglieder haben nicht einmal standardisierte Email-Adressen; oft erhält man eine selbst erfundene Gmail-Adresse. Doch ohnehin sind Emails hier weniger zuverlässig als Facebook-Nachrichten. Facebook ist hier viel mehr als nur ein Zeitvertreib, sondern für Journalisten durchaus eine sehr wichtige Informationsquelle, ein Vernetzungsinstrument, ein Veranstaltungskalender.

Dies alles trägt dazu bei, dass die Redaktion von «Frontier», trotz zahlreichen Mitgliedern, oft relativ leer scheint. Nicht etwa, weil die Reporterinnen und Reporter zu Hause geblieben sind, sondern weil sie eben dort sind, wo sie hingehören: Auf der Strasse, im Feld, bei Recherchen und Interviews, und nicht den ganzen Tag auf dem Bürostuhl…

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