«Journalism is not a crime»

Meine ersten zwei Wochen in Myanmar haben mir vor allem Eines gezeigt: Über Journalisten hängt in diesem Land permanent ein Damoklesschwert.

Zwei Ausgaben des Frontier Myanmar, eines Wochenmagazins mit politischem Fokus.

Das Schwert richtete sich bereits auf mich, als ich noch in der Schweiz weilte. In dem Sinn begann mein Praktikum lange, bevor ich burmesischen Boden betrat. Es begann mit einem Email von meinem zukünftigen Chef. Genau ein Satz stand da: «Just be careful what you do». Ich hatte gerade davon geschwärmt, dass ich vor Praktikumsbeginn zwei Wochen das Land bereisen würde, vielleicht auch in den Rakhine-State fahren würde, in dessen Norden die Vertreibung der muslimischen Rohingya von statten geht. Eine Nacht zuvor waren dort zwei Reuters-Journalisten verhaftet worden.

Mein Weg führte schliesslich nicht über Rakhine sondern ganz in den Süden des Landes nach Myeik, touristisches Pionierland mit einem atemberaubenden Inselarchipel, in dem bereits ein Mega-Hotel steht, das aber leer und dessen Personal atemberaubend inkompetent ist. Mein Weg führte ausserdem nach Bangkok, wo ich mich über Silvester mit Notwendigkeiten eindeckte aus Furcht, sie in Yangon nicht zu bekommen. Bei der erneuten Einreise nach Myanmar dann musste ich feststellen, dass ich jetzt zwar Nagellackentferner im Gepäck hatte, dafür aber einen ungültigen Invitation-Letter, den es für ein Business-Visum braucht. Das Datum muss aktuell sein – meines war veraltet. Den Atem der AirAisa-Angestellten im Nacken – sie drohte, mich wieder nach Thailand mitzunehmen – wählte ich die Nummer meines Chefs. «Hallo Tom, how are you? Ich bin gerade am Flughafen und brauche einen neuen Brief». «Ten Minutes», kam zurück. Ich bin sicher, wäre es fünf Minuten länger gegangen, wäre ich bereits im Flugzeug nach Bangkok gesessen. Danke Tom.

Dann kam der erste Tag auf der Redaktion des «Frontier Myanmar», eines englisch- und burmesischsprachigen Wochenmagazins. Er verstrich enttäuschend ereignislos. Ein kurzes Hallo von den Kollegen. Ein kurzes Gespräch mit meinem Chef, bevor er weiter musste und ein gut gemeintes «Schau mal, ob du ein Thema findest». Easy.

Ein paar Tage später dann traf mich die harte Realität der Journalisten in Myanmar mitten ins Herz. Es war der erste Prozesstag im Fall der beiden verhafteten Journalisten, Ko Wa Lone und Ko Kyaw Soe Oo. Der Chef-Fotograf des Frontier Myanmar, Steve, nahm mich mit den Worten mit: «Je mehr Journalisten dort ihre Solidarität zeigen, desto besser.» Rund 50 Journalisten warteten beim Insein-Gericht mit schwarzen T-Shirts, bedruckt mit dem Motto: «Journalism is not a crime». Einige Ausländer, darunter britische Diplomaten, waren ausserdem da, jedoch ohne T-Shirts. «Das gilt als Einmischung in innere Angelegenheiten, dafür können sie dich ausweisen», erklärte mir der Fotograf Steve. Dann kamen die Verhafteten an, in Handschellen führten Polizisten sie ins Gebäude. Um die beiden bildete sich ein schwarzgekleideter Pulk, Rufe, Händeschütteln, das Klicken von Kameras.

Nachher: 30 Minuten warten. 30 Minuten, in denen sich die Verhafteten die offizielle Anklage anhören mussten, ohne Stellung nehmen zu können. Ihnen droht 14 Jahre Haft, weil sie von zwei Polizisten als geheim klassifizierte Dokumente angenommen hatten. Die Polizisten werden von der Justiz hingegen als Opfer und Zeugen behandelt. Manche mutmassen, die Journalisten seien bewusst in eine Falle gelockt worden. Sie seien zu unbequem. Die beiden hatten über die Vertreibung der Rohingya berichtet.

Journalisten fotografieren die beiden Ehefrauen und eine Verwandte der angeklagten Journalisten.

Draussen, neben den wartenden Journalisten, standen mürrisch dreinblickende Polizisten, die Gewehre – alte Modelle – im Anschlag. Die Journalisten fotografierten sie unbeeindruckt. Dann erneut Hektik, während die beiden Angeklagten wieder abgeführt wurden. Die Journalisten rannten zu ihren verhafteten Gefährten, umarmten sie trotz den Polizisten, die Abstand wahren wollten, berührten sie, riefen ihnen ihre Unterstützung zu. Und dann hörte ich die beiden Ehefrauen.

Sie schrien aus Leibeskräften, stolperten dem wegfahrenden Polizeiauto nach, um die Hände ihrer Ehemänner zu halten. Bis ihre Hände auseinander fielen, bis das Gefährt durch das Tor verschwunden war und sie allein dastanden, umringt von Journalisten, die den Gram der Frauen mit Kameras verewigten. Die offen zur Schau gestellte Trauer trieb den Umstehenden Tränen in die Augen. Und ich stand da und fühlte mich fehl am Platz. Als wäre der Moment zu intim für eine Ausländerin, die wenige Monate später wieder zu Hause sitzen wird in ihrem gemütlichen zu Hause und schreiben darf, was sie will.

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