Myanmars Frauen – oder wie eine Zahnärztin gegen eine Nuss kämpft

Die Zahnärztin Aye Muyar Soe behandelt bis zu 30 Patienten pro Tag.

Mindestens alle 15 Minuten rutscht ein Zahn in den gelben Becher. Aye Muyar Soe arbeitet im Akkord. Die Zahnärztin bohrt, versiegelt Füllungen und zieht Zahn um Zahn. Unter ihren routinierten Handgriffen spannen sich die Muskeln der Kinder. Mädchen und Buben liegen auf dem Zahnarztstuhl – die meisten nicht zum ersten Mal. Es sind Kinder im Alter von etwa 8 Jahren, deren Zähne die Karies bereits zerstört hat.

Im Handspiegel von Aye Muyar Soe zeigen sich Löcher, die eher an Krater als an Punkte erinnern. Die Zahnärztin hat schon zu viele solcher Stummel gesehen, um auch nur eine Miene zu verziehen. Sie greift zur Spritze, erklärt dem Patienten kurz den Ablauf und injiziert die Betäubungsflüssigkeit in den  Oberkiefer.

Aye Muyar Soe ist Zahnärztin bei den „swimming doctors“. Auf einem umgebauten Boot mit Arztpraxen und einem Labor steuern sie abgelegene Dörfer im Ayeyarwady Delta an. Sie legen dort an, wo die Häuser auf Stelzen stehen und Wände und Dächer aus Bambus sind. In diese abgelegene Region sind nach der Öffnung Myanmars zwar Zucker und Handys vorgedrungen, doch der Konsum hat das Wissen über die neuen Güter längst abgehängt. So zerstören die Süssgetränke Gebisse und verschärfen die Problematik der bereits einseitigen Ernährung von Trockenfisch und Reis.

An den Zähnen nagt aber nicht nur der Zucker. Auch ein weit verbreitetes Suchtmittel greift sie an: die Betelnuss. Wer in Myanmar jemanden anlächelt, guckt in der Folge nicht selten in ein strahlendes Gesicht mit tiefrot gefärbtem Gebiss. Der Grund? In Blätter eingewickelt und mit Tabak und Gewürzen vermengt, kauen die Menschen stundenlang auf diesen Samen der Areca-Palme.

Ihre Praxis hat Aye Muyar Soe zur Sperrzone der Betelnüsse erklärt. An den Wänden hat sie Verbotsschilder angebracht. Lassen sich Eltern ihrer Patienten kauend auf einem der beiden Plastikstühle nieder, schickt sie diese raus. Das Suchtmittel muss entsorgt, der Mund gewaschen werden – erst dann dürfen Väter und Mütter wieder in den Behandlungsraum.

Die Nüsse zerstören nicht nur Zähne, sie gelten auch als krebserregend. „Obwohl ich sie darüber aufkläre, wollen viele Menschen nicht auf sie verzichten“, sagt Aye Muyar Soe. In diesen Fällen lässt die junge Frau keine Widerrede gelten. Wollen die Patienten weiterhin von den tiefen Behandlungskosten (das Boot wird von einer deutschen Stiftung finanziert) profitieren, müssen sie sich von den Nüssen lossagen. Die Zahnärztin weigert sich, ihre Patienten erneut zu behandeln, wenn sie das Versprechen brechen.

Dass Frauen Vorschriften auch gegenüber Männern erlassen, ist aussergewöhnlich. Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist in der Gesellschaft Myanmars tief verankert und rechtlich gestützt. Es fehlen Gesetze, die Frauen Lohngleichheit oder das Erbe von Land zusichern. Das Recht schützt sie weder vor häuslicher noch sexueller Gewalt in der Ehe. Das „Gender Equality Network“ hat in einem Bericht an das UN-Komitee für die Beseitigung der Diskriminierung der Frauen (CEDAW) zudem aufgezeigt, dass gar die Verfassung von Myanmar Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern festschreibt.

Entsprechend sind auch die Rollen klar verteilt: Die Frauen sorgen traditionell für die Familie und den Haushalt, die Männer verdienen das Einkommen. Obwohl mit Aung San Suu Kyie eine Frau an der Regierungsspitze steht, stellt sie dort die Ausnahme dar. Die 60 Jahre unter der Militärjunta haben ihre Spuren hinterlassen. Frauen waren innerhalb der Armee – wenn denn – nur im medizinischen oder administrativen Bereich zugeteilt; das Land regiert haben Generäle.

Doch das patriarchale Denken ist nicht nur historisch bedingt, auch der Buddhismus sorgt für Ungleichheit. Dies wird in der tiefreligiösen Gesellschaft oft mit einer Selbstverständlichkeit hingenommen. So hat an einer Veranstaltung zum Thema „Empowerment von Frauen“ eine höchst erfolgreiche burmesische Geschäftsfrau erzählt, dass Männer ihr im religiösen Sinne überlegen seien. Dies, aufgrund deren angeblich höheren Erleuchtungsgrads. Ihr Exkurs war  indes nicht dazu gedacht anzuprangern, sondern vielmehr um den zahlreichen Expats ihre Sichtweise näher zu bringen.

Auch räumlich grenzt der Buddhismus Frauen aus. Es gibt in Myanmar zahlreiche Pagoden, die Frauen nicht betreten dürfen und bei heilig geltenden Seen, ist ihnen gar der Kontakt mit dem Wasser verboten. Die Männer schäumen sich hingegen darin genüsslich mit Shampoo und Seife ein.

Die Unternehmerin Yin Yin Phyu hat sich in zwei Männerdomänen durchgesetzt: in der IT und Agrarwissenschaften. Damit schafft sie es auf das Cover des Mizzima-Magazin.

Der Weg zur Gleichheit der Geschlechter ist noch lang in Myanmar. Immerhin ist die Ungleichheit aber auch auf offizieller Seite erkannt. Die Regierung hat entsprechende Programme lanciert. Und es gibt junge Frauen, die unbeeindruckt von gesellschaftlichen Normen ihre Karrieren und Visionen durchsetzen.

Eine von ihnen ist die 28-jährige Yin Yin Phyu. Gemeinsam mit einem Studienkollegen hat die Agrarwissenschaftlerin eine App entwickelt, um Myanmars Bauern kostenlos zu beraten und sie mit aktuellen Informationen zu versorgen.

Inzwischen leitet sie eine Firma mit 12 Angestellten. Ihre Geschichte und ihre Visionen lassen sich im aktuellen Mizzima-Magazin nachlesen.

Die Zahnärztin Aye Muyar Soe hat ihren Auftritt in der nächsten Ausgabe von Mizzima. Es geht unter anderem darum, weshalb ihr ein Kapitän beim Zähne ziehen hilft. Denn auch ohne Dentalassistent/in wusste sich Aye Muyar Soe zu helfen.

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