Silvester mit den Zollbeamten – und ein weit geöffneter Muttermund

Warten aufs Visa - am Abend des 31. Dezembers ist das besonders lustig.

Wenn man einen Flug am 31. Dezember bucht, sind surreale Situationen so gut wie vorprogrammiert. Am Ende wartet ein Rum, ein guter. 

Ich dachte eigentlich, jedmögliche Form des Neujahrsanfangs schon erlebt zu haben: In der abgeschiedenen Berghütte, auf dem proppenvollen Dancefloor und auch schon ganz alleine zu Hause. Ich sollte mich getäuscht haben.

Um 4 Uhr der Wecker, um 7 Uhr der Abflug, um 11 Uhr der erste beendete Film und um 16 Uhr die dritte verspiesene Mahlzeit. Ein langer Tag im Flugzeug halt. Vor dem Fenster wiederholt sich die immergleiche Szenerie, eine geschwungene Quartierstrasse, daran wie an einer Perlenkette angehängte Vorstadthäuser, alles verbunden mit drei- bis fünfspurigen Highways. Hello United States of America, hello Atlanta. Im Terminal E, zwischen Taco Bell, McDonalds und Starbucks-Verschnitt stimmt ein Pianist amerikanische Gassenhauer an. Nicaragua, das Land, in dem ich während der bevorstehenden drei Monate leben und arbeiten werde, ist in diesem Moment weit weg, ganz weit weg.

Nichts deutet darauf hin, dass hier nicht irgendein Tag, sondern der letzte des Jahres seinen Lauf nimmt. Bis wir im Flugzeug sitzen, das uns um halb neun Uhr abends in Managua hätte absetzen sollen. Dass dies nicht annähernd möglich sein wird, erkennt man an der Stimme des Piloten, der – mit Mikrophon und komödiantischem Talent ausgestattet – zu den Passagieren spricht. Unentwegt wiederholt er, seine Crew tue alles dafür, dass wir wenigstens um Mitternacht bei unseren “beloved ones” sein können. Währenddessen zieht uns ein Schleppfahrzeug wieder von der Rollbahn weg. Das Methodisten-Paar neben mir atmet erleichtert auf, es will nur noch in eine andere Maschine steigen.

Der bemitleidenswerte Chauffeur

Ihr Wunsch wird erhört, drei Stunden später sitzen wir im nächsten Flugzeug. Um Viertel vor zwölf landen wir. Längst ist klar, dass ich es nicht mehr rechtzeitig zur Neujahrsparty in der Airbnb-Unterkunft, die mir mein Vorgänger Adriá verdankenswerterweise organisiert hat, schaffe. Halb so schlimm, es warten ja dort keine “beloved ones” auf mich. Und ich bin selbst schuld, dass ich meinen Flug an diesem Tag gebucht habe. Ohne Eile gehe ich zur Passkontrolle. Hinter dem Rollfeld steigen erste Feuerwerkskörper in den Himmel, im Flughafengebäude fallen sich derweil wie auf Knopfdruck Zollbeamte, Sicherheitsangestellte und Reinigungsleute um den Hals. Die Amerikaner, mit denen ich zuvor kein Wort gewechselt habe und die nun in der Schlange vor mir stehen, wünschen mir ein frohes, neues Jahr. Es mangelt nicht an Surrealität, hier in der tropischen Mitternachtshitze von Managua.

Kurz vor halb eins schlendere ich schliesslich aus dem Flughafengebäude und will zum Taxistand gehen. Da kommt mir ein untersetzter Mann entgegen. “¿Sos Antonio, verdad?”, fragt er mich. Ich nicke. Er sei von der Zeitungsredaktion geschickt worden und bringe mich nach Hause, sagt er. Hätte ich davon etwas gewusst, hätte ich mich mehr beeilt. Vor allem aber tut mir leid, dass er wegen mir ausgerechnet an Silvester stundenlang am Flughafen herumstehen musste – auch wenn mich keine Schuld trifft. Er nimmts gelassen und trällert herzhaft zum Merengue-Klassiker aus dem Autoradio. Plötzlich schaltet sich die Radiostation in die Geburtsabteilung des grössten Spitals ein. Noch sei kein Neujahrsbaby geboren worden, vermeldet die Reporterin aufgeregt. Das könne sich aber jeden Moment ändern, denn der Muttermund von Emily sei bereits neun Zentimeter weit geöffnet. Thanks for sharing. Ich freue mich auf den Rum-Shot, der mich an der Party erwartet. Ein doppelter.​

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