The dream of democracy – Der Traum von der Demokratie

Was bleibt nach drei Monaten Myanmar? Wohl die Erkenntnis, dass der Weg zur Demokratie in diesem Land noch lang ist. Niemand weiss, was am Ende des Weges wirklich wartet.

«Jetzt können wir sagen, was wir wollen, jetzt haben wir Demokratie.» Diesen Satz habe ich oft gehört. Er kam von Dorfältesten, von Nonnen und Touristenführern. Immer biss ich mir dabei auf die Zunge: Dass man sagen kann, was man will, bedeutet nicht Demokratie sondern ist ein Menschenrecht. Ja, sie ist die Basis für Demokratie, aber Redefreiheit bedeutet noch keine Demokratie.

In Myanmar kann man das Phänomen beobachten, wie die Demokratie, so jung sie ist, ausgehöhlt wird: Wie das Militär alle Ressourcen für sich beschlagnahmt, wie es das politische Klima manipuliert und unliebsame Gegner mundtotmacht. Die Spiesse sind in Myanmar nicht gleich lang.

«Ich glaube, dass Südostasien nicht geeignet ist für die Demokratie», sagte einer meiner Kollegen, Kyaw Ye Lynn, beim Mittagessen. «In allen Ländern siehst man das gleiche Phänomen: man nennt es Demokratie aber es ist keine Demokratie.» Die Zweifel am System Demokratie sind unter Journalisten verbreitet. So sagte auch Mratt Kyaw Thu: «Ich glaube, es wird hier nie eine richtige Demokratie geben.» «Wie soll es Demokratie geben ohne Menschenrechte?», fragt er. Für ihn ist es ein gordischer Knoten: Ohne Menschenrechte keine Demokratie, aber ohne Demokratie keine Menschenrechte – wie soll das Land da je rausfinden?

Redaktionsbüro des Frontier Myanmar

Enttäuschung liegt über Myanmar. Nicht nur Journalisten und Westler sind enttäuscht. Das Gefühl durchdringt viele Schichten der Gesellschaft, auf jeden Fall aber die Jugendkultur. «Different bottle, same old fucking wine», schmetterte der Leadsänger der burmesischen Band Side Effect während eines Konzertes ins Mikrophon. «Die Euphorie von 2012 war wohl etwas übertrieben», sagte der Schweizer Botschafter Paul Seger während eines Gesprächs zu mir. «Und nun schwingt das Pendel zurück.»
Wandel braucht Zeit. Wie viel Zeit braucht Wandel? «Change», auch so ein Wort, dass herumschwirrt. Das Land wandelt sich. Wandel macht Angst. Es gibt immer jene die Wandel stoppen wollen. In Myanmar tragen sie meistens eine grüne Uniform.

In einem Artikel über sexuelle Gewalt beschrieben Oliver Spencer und Yin Yandar Thein Myanmar mit drei Attributen akkurat: religiös konservativ, patriarchisch und hoch militarisiert. Militärische Werte und Verhaltensweisen seien tief die Gesellschaft eingewoben und prägten sie. Doch: das Militär funktioniert nicht demokratisch.
So lange das Militär die Zügel in den Händen hält, fährt das Land wohl eher die grösstmöglichen Umwege zur Demokratie als den Highway zu nehmen. Ob die Demokratie am Ende des Weges überhaupt zu finden ist, ist ebenfalls nicht sicher.
Das hindert unzählige einheimische Journalisten und Menschenrechtler nicht daran, hartnäckig den Weg freizuschaufeln. Was ich hier auch sah, war beeindruckender Mut.

Was bleibt? Mein Praktikum in Myanmar war eine Zeitreise an den Anfang der Demokratie, zurück in die Zeit, in der auch bei uns darum gekämpft wurde. Die Zeit, in der politische Mitbestimmung und Gleichberechtigung einem abstrusen Traum gleichkam. Nun kehre ich zurück in die Traumwelt.

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