The Ring III

Das hab ich alles schon gesehen, das hab ich alles schon gehört, das hab ich alles schon gerochen, den Dreck, den Staub, den Lärm, den Verkehr, das Gedränge, die Bettler, die Armut, die Kneipen, die Löcher, den Russ, die Tiere, die Sklaven, die Gefahr, den Schmerz, den Kampf, den Kampf, den Kampf der Schwachen und ihren Triumph über die noch Schwächeren, ihren Sieg über den knappen Raum, ihren drängelnden Erfolg, das hab ich doch alles schon erlebt. Und dennoch, noch neun Kilometer, noch immer neun Kilometer. Zwei Kurven, drei Begegnungen, ansonsten krass-graue Realität. Und doch, nach 27 unendlichen Kilometern in den vielleicht dreckigsten Strassengräben dieser Erde did she take me home, to I place I don’t belong.

RING ROAD, PART III, SITAPAILA TO EKANTAKUNA

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GoAtES

Der Junge kam auf mich zu und begann auf Nepalesisch zu erzählen. Ich habe nichts verstanden, und ich habe versucht, ihm das zu erklären. Ihn schien das alles aber nicht zu stören. Er führte mich über den Ziegenmarkt, stellte mich überall vor, schaute mich zwischendurch fragend an und erzählte dann einfach weiter und weiter. Er posierte mit seinen Freunden, mit seinem Vater, mit seinen Ziegen. Irgendwann hat er mir die Hand hingestreckt und sich verabschiedet. Er war mein Schlüssel zu diesem Ort, er hat mich tief in den riesigen Markt hineingeführt und mich dann mittendrin stehengelassen. Er war ein wortreicher, wenig informativer, angenehmer Marktgenosse.

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SuPErMaRkeT

Ich bin dem Bagger hinterhergehuscht durch das grosse Tor in der Wellblechmauer. Die beiden Gatekeeper haben mich schräg angeschaut, aber nichts gesagt. Ich war drin, mitten auf der Baustelle, von der ich von der Ring Road her nur die rostigen Kranen erkennen konnte. Ich ging vorbei an den arbeitenden Männern, tarnte mich als Suchender, knippste hier und dort ein Bild, und traf weit hinten auf Lhukay. Er stand im Türrahmen eines Wellblechschuppens und bat mich herein. Lhukay, 20, kocht gemeinsam mit seinem Bruder für die rund 85 Männer, die hier seit drei Monaten auf dem Bau arbeiten. Die meisten kommen aus Indien. Alle Nepalesen seien im Ausland, erzählt mir Lhukay. Deshalb hätten die hiesigen Bauherren keine Wahl ausser Inder ins Land zu holen, die die Arbeiterlücke für eine Weile füllen. Lhukay kocht zweimal täglich 85 Portionen Dal Baht. Für 10 Rupien können sich die Arbeiter schichtweise am klapprigen Holztisch in Lhukays Wellblechküche stärken. Drei weitere Monate werden sie noch hier schlafen, essen, leben und vor allem arbeiten müssen. Von fünf Uhr in der Früh bis um zehn Uhr Abends, jeden Tag. Sie verdienen im Schnitt 310 Rupien am Tag. In jenem Supermarkt der Bhatbhateni-Kette, an dem die Arbeiter hier insgesamt sechs Monate lang bauen, könnten sie sich mit einem Tageslohn nicht einmal die Zutaten für ein einziges Dal Baht leisten.

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WaStElaND II

Um 600 Tonnen wächst der Abfallberg in der Sisdole Landfill Site, der grössten Entsorgungsstelle im Kathmandu Valley, jeden Tag. Doch, keine Angst, es ist genügend Abfall da, so dass auch Kathmandu selbst nicht zu kurz kommt. Schliesslich sollen auch die innerstädtischen Gräben und Flüsse nicht ungenutzt vor sich hindarben.

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KiDS

Variationen einer Lebensphase zwischen Sitapaila und Ekantakuna.

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EnGinES

Der junge Mann steht vor mir, er ist klein, die Sandalen an seinen Füssen viel zu gross, die Kleider an seinem hageren Leib viel zu dreckig. Die Arme hängen schlaff an ihm herunter. In der rechten Hand hält er einen Schraubenschlüssel. Sein Kopf ist leicht nach unten gesenkt, seine Augen aber schauen zu mir auf. Ich frage ihn, wie er heisst, doch antworten kann er nicht. Sein Boss, ein dicklicher Mid-Twen mit blauer Daunenjacke und goldenem Armreif, platzt dazwischen und ruft: “Pakistan, BOOM!” Er lacht, und will mir gestikulierend zu verstehen geben, dass der Mann mit Schraubschlüssel ein Pakistani und daher konsequenterweise ein Terrorist sei. Er lacht, und klopft mir auf die Schultern, wiederholt seine knappe These zu allen jungen Männern des westlichen Fast-Nachbarn. “Not Pakistan, India, Mumbai”, murmelt der kleine Mann vor mir leise, kniet sich hin und macht sich an einem alten Motor zu schaffen. Ich weiss nicht, wie ich reagieren soll und spaziere beschämt lächelnd über den Schrottplatz, auf dem der junge Mann aus Mumbai und seine vier Mitarbeiter sieben Tage die Woche alte Autos auseinanderschrauben und ihr Ersatzteillager àjour halten. Der Boss folgt mir, erklärt mir seinen Schrottplatz in Hindi. Ein Kunde, der sich nach einer Federung für seinen Transporter umschaut, übersetzt alles. Fast alles. Einmal sagt er mit düsterem Blick, das sei jetzt zu beleidigend gewesen, das werde er nicht übersetzen. Der Boss aber lässt sich nicht aus seiner guten Laune bringen, lacht, haut mir auf die Schultern, fotografiert mit meiner Kamera, geniesst den seltenen Besuch. Seine Arbeiter schrauben kniend weiter. Das hier ist Recycling in seiner dreckigsten und arbeitsintensivsten Form, hardcore Wiederverwertung, ein schmutziges, aber offensichtlich florierendes Geschäft. Hier deckt sich die Ring Road mit Ersatzteilen ein, und hier wird mir klar, was diese Strasse letzten Endes ist: eine Lebensader für tausende von Menschen, die sich an ihrer staubigen Realität laben, die ohne sie nicht überleben würden. In Ekantakuna angekommen biege ich von der Ring Road ab und gehe den Hügel hinauf bis zum grossen Baum, von da aus rechts das kleine Strässchen hinunter bis zu meinem Haus. Die Stadt hier drin abseits der Ring Road ist ruhig, wirkt friedlich, scheint tot.

Mehr Bilder auf www.insidenepal.ch… 

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