Whatever Women Want

Sisne Khola  (1)

Willkommen in Sisne Khola. Die steinige Strasse schlängelt sich auf eine kleine Anhöhe hinauf. Links der Strasse führen Reisfeld-Terrassen treppenartig ins Tal. Auf der gegenüberliegenden Hügelkette liegt Rumjatar, wo einmal die Woche ein kleines Flugzeug auf der rötlichen Dirt Road landet und NGO-Arbeiter oder manchmal auch nur Verpflegungspakete für die hier stationierten Armeeangehörigen vorbeibringt. Rechts rauschen tiefgrüne Bambuswälder friedlich vor sich hin. Der Himmel ist blau, es ist sommerlich warm, und in der kleinen Dorfkneipe erwartet man mich und Suman, meinen Übersetzer, schon mit Dal Baht (das 7te in vier Tagen). Wir setzen uns an das einzige Holztischchen und essen, von Hand. Darin bin ich inzwischen ganz gut. Durch die offene Tür sieht man hinaus auf die Strasse, auf der ein alter Bus parkt. Der Fahrer schläft auf einem der zerfetzten Stoffsitze im hinteren Teil des Buses. Später wird er nach Okhaldhunga hinauftuckern und dann zurück nach Rumjatar fahren. Wie jeden Tag, ausser Samstags.  Hinter dem Bus liegt der Dorfplatz von Sisne Khola. Die Dächer der Lehmhütten, die dicht darum herum stehen, sind mit Stroh bedeckt.Vor den Hütten liegen umzäunte Gemüsegärten und Wiesen, auf denen ein paar angekettet Wasserbüffel grasen. 35 Haushalte zählt die Gemeinde. Alle Bewohner sind Bauern. Einige wenige haben einen Nebenverdienst als Angestellte beim Post Office in Rumjatar oder als Techniker auf dem Flugplatz.

Als ich mit Suman über die Felder hinüber zum Dorfplatz schlendere, mache ich mich auf einen mässig spannenden Nachmittag zwischen Tomaten-Gewächshäusern und Gemüsegarten-Besichtigungen gefasst. Doch Sisne Khola, der verschlafene Weiler auf der kleinen Anhöhe, hat eine überraschende Story zu erzählen, die so gar nicht ins ländliche Nepal passt.

Bäuerin, Analphabetin, Bürgermeisterin, Richterin

Gjan Bhadu Rai ist der erste, der uns zu sich ruft. Barfuss stapft er vor seiner Hütte im Kreis und “drescht” Hirse aus den gedorrten Ären, die ausgebreitet auf dem Lehmboden liegen. Er erzählt von der Tomatenernte, von den Zwiebeln, den Senfblättern und den Chillischoten, mit deren Verkauf er im vergangenen Jahr rund 200 Franken verdient hat. Er lacht und führt uns durch seinen üppigen Gemüsegarten, den er gemeinsam mit seiner Frau angelegt hat und der ihm alles gibt, was er zum Leben braucht. Ausser Kartoffeln. Die kauft er sich mit den Einnahmen aus dem Verkauf seines Gemüses. Wo denn seine Frau sei, möchte ich von ihm wissen. Schliesslich wurde das “Home Garden” Projekt der DEZA, bei dem Gjan das Gärtnern gelernt hat, vor allem für Frauen entwickelt, deren Männer als Arbeiter ins Ausland migriert sind und die sich und ihre Familien im Alleingang durchbringen müssen. Ach, die hätte zu tun, müsse das “Meeting” vorbereiten. Welches Meeting? Na, das Meeting des Komitees. Welches Komitee? Das Frauen-Komitee. Und, was macht das Frauenkomitee? “Everything!”, lacht Gjan und will mir seine Sprinkleranlage demonstrieren, die er für 75 Rupien gekauft hat.

Doch, die Sprinkleranlage verkommt zur Nebensache. Während Gjan mir die drei Spritzfunktionen zeigt und mir via Suman’s Übersetzungen von den Vorzügen bewässerter Anbauzonen vorschwärmt, notiere ich mir alle möglichen Fragen zu diesem Frauenkomitee in mein handgeschöpftes Notizbuch. Irgendwann unterbreche ich Gjan und frage ihn, wie das Komitee funktioniere, wer da mitmache, wieso es ein reines Frauenkomitee sei und ob es eine Präsidentin gäbe. “Ja, die gibt’s. Sita Rai.”

Sisne Khola  (15)

Sita Rai, 37, zweifache Mutter, Bäuerin, Analphabetin, Bürgermeisterin, Richterin und Bankvorsteherin. Es dauert eine Weile, bis wir sie finden. Ausserhalb des Dorfes kauert sie in einem Feld und schneidet Gras für ihre beiden Büffel. Mit einem Medientermin hat Sita heute nicht gerechnet. Etwas verlegen führt sie uns zu ihrem Haus, wischt die Hirsebüschel vor der Eingangstür weg, verschwindet im Wohnzimmer und kommt mit einer umgehängten roten Halskette wieder zum Vorschein. Wie lange sie dem Frauenkomitee von Sisne Khola schon vorsteht, das weiss Sita nicht. Mindestens fünf Jahre, schätzt sie. Damals habe es einen Wechsel gegeben an der Komiteespitze. Das passiere nur, wenn jemand einen groben Fehler mache oder einfach nicht mehr Präsidentin sein wolle. Sie selbst hat nicht vor, in naher Zukunft zurückzutreten. Ihr gefällt das Amt, für das sie nichts verdient, das ihr im Dorf aber eine Menge Respekt eingebracht hat.

8000 Rupien und die soziale Verbannung

Das Frauenkomitee von Sisne Khola wurde vor zwölf Jahren gegründet. Die Dorfgemeinschaft hatte es damals mit einem unschönen Vorfall zu tun, der in der Gegend lange zu reden gab. Eine Frau aus einer anderen Gemeinde hatte einen Dorfbewohner von Sisne Khola beschuldigt, sie verprügelt zu haben. Die Polizei in Rumjatar untersuchte den Fall, sprach den Mann schuldig und verurteilte ihn wegen Gewaltanwendung gegen eine unschuldige Drittperson. Wie sich herausstellte, wurde der Mann zu Unrecht verurteilt. Das vermeintliche Opfer gab zu, gelogen zu haben. Die Polizei entschuldigte sich allerdings nicht für ihre Fehleinschätzung. Eine Entschädigung für den fälschlich Verurteilten gabs nicht. Die Dorfbewohner von Sisne Khola haben sich damals entschieden, solche Angelegenheiten in Zukunft in Selbstregie zu regeln. Mit der parteiischen Polizei wollte man nichts mehr zu tun haben. Also beschloss man, ein Komitee zu gründen, das sich einmal monatlich treffen und über alle erdenklichen lokalpolitischen Geschäfte entscheiden solle. Jeder der 35 Haushalte entsandte eine Delegierte ins Dorfkomitee. Männer waren bei den monatlichen Versammlungen von Beginn weg nicht erlaubt. Wieso das so ist, das wusste Sita nicht so genau. Wohl weil viele der Männer als Arbeiter im Ausland weilten und nur unregelmässig im Dorf vorbeischauten, meinte Gjan. Ihm ist es übrigens Recht, dass die Frauen im Dorf das Sagen haben. Bis jetzt war er stets zufrieden mit ihren Entscheidungen.

Die Entscheidungsmacht des Frauenkomitees von Sisne Khola geht über die eines gewöhnlichen Dorfparlaments hinaus. Die Frauen entscheiden an ihren monatlichen Sitzungen nicht nur über nötige Neuanschaffungen wie etwa landwirtschaftliche Maschinen und Baugesuche. Sie verwalten nebenher auch das Vermögen der Gemeinde (momentan rund 150’000 Rupien), entscheiden über die Vergaben von Krediten (die innert einem Monat mit 24 Prozent Rendite zurückerstattet werden müssen) und legen fest, wie hoch das Geldgeschenk für heiratende Paare ausfallen soll. Die Entscheidungen werden einstimmig getroffen. Es wird so lange diskutiert, bis alle 35 Vertreterinnen von der Lösung überzeugt sind. Zu Streitigkeiten sei es in ihrer Amtszeit noch nie gekommen, erzählt Sita. Die neun Komitee-Vorsteherinnen würden jeweils einige Tage vor der monatlichen Sitzung (die am 10. jedes nepalesischen Kalendermonats stattfindet) in allen Haushalten vorbeigehen und die Bewohner von den geplanten Projekten, Käufen und Gesetzesänderungen überzeugen. So müsse an den Sitzungen selbst gar nicht mehr gross diskutiert werden.

Proteste gegen die Komitee-Beschlüsse gibts aber hie und da. Als die Frauen von Sisne Khola vor vier Jahren beschlossen, dass Alkoholtrinken ausserhalb der eigenen vier Wände per sofort verboten ist, haben sich einige Männer im Dorf anfänglich geweigert, das Gebot zu befolgen. “Wir haben ihnen mit der Polizei in Rumjatar gedroht”, erzählt Sita lachend. Das habe genützt. Keiner im Dorf wolle je wieder mit diesen Polizisten von dort drüben zu tun haben.

Ram Maya Rai, Mitglied des Frauenkomitees von Sisne Khola
Ram Maya Rai, Mitglied des Frauenkomitees von Sisne Khola

Damit die Beschlüsse des Komitees effizient umgesetzt werden können, entrichtet jeder Haushalt monatlich 20 Rupien Gebühren an das Frauenparlament. Über die Jahre ist so eine ganze Stange Geld zusammengekommen. 2011 haben die Frauen beschlossen, für 300’000 Rupien ein Gemeindehaus zu errichten. Seither finden die Sitzungen im Parterre des hübschen Neubaus statt. Daneben lagern hier auch die schriftlich festgehaltenen Beschlüsse des Komitees. Während des Tihar-Festes im November haben die Frauen von Sisne Khola eine Sammelaktion gestartet und rund 70’000 Rupien zusammengetrommelt, die sie demnächst in die Errichtung einer öffentlichen Toilette neben dem Gemeindehaus investieren wollen. Das Geld lagert übrigens im Haus der Komitee-Sekretärin. Der Commercial Development Bank in Okhaldhunga trauen die Frauen von Sisne Khola dann doch nicht so recht.

Neben den Kompetenzen als Legislativkomitee und als Bank haben die Frauen von Sisne Khola auch eine rechtsprechende Macht im Dorf. Wer sich nicht an die Regeln hält, muss mit Geldstrafen oder gar der Verbannung aus der Dorfgemeinschaft rechnen. Trinken in der Öffentlichkeit kostet je nach dem zwischen 200 und 1000 Rupien. Diebstahl wird mit Strafen ab 2000 Rupien bestraft. Und wer Gewalt gegen eine unschuldige Person anwendet, muss bis zu 5000 Rupien (mehrere durchschnittliche Monatseinkommen) entrichten. Vor sechs Monaten gabs gar einen Fall, in dem ein Mann seine Schwiegertochter im Suff brutal zugerichtet hat. Er musste 8000 Rupien bezahlen und sich öffentlich entschuldigen. In Fällen wie diesen gehen 33 Prozent der Strafe direkt in die Tasche des Opfers. 67 Prozent landen in der Dorfkasse. Nur, wer überprüft denn, ob die erhobenen Anschuldigungen auch wirklich stimmen? Wer schaut, dass das Selbstjustiz-System nicht zur modernen Hexenjagd verkommt? “Ach, weisst du, wir kennen die Leute hier im Dorf”, lacht Sita. “Wir wissen sehr genau, wer zu was fähig ist. Zudem brauchts für jeden Gerichtsfall mindestens einen unbeteiligten Zeugen.” Diese Grundregel führt dazu, dass das Komitee noch nie einen Fall von häuslicher Gewalt beurteilt hat.

So viel Sita weiss, ist das System von Sisne Khola in der Region einzigartig. Sita kann nicht lesen und weiss daher nicht so viel über die Welt ausserhalb des Dorfes. Sie würde gerne mal nach Kathmandu reisen, aber bisher hat sie den Distrikt nie verlassen. “Hier in der Gegend ist unser System aber sicher einzigartig”, sagt sie stolz. Wenn sie nur Zeit hätte, dann möchte sie in der Gegend umherreisen und den Frauen in den Nachbardörfern von ihrem Komitee erzählen. Doch diese Zeit hat sie nicht. Es gibt viel zu tun als Mutter, Hausfrau, Bäuerin, Richterin, Bürgermeisterin, Bankvorsteherin und Baukommissionsvorsitzende, selbst in einem vermeintlich verschlafenen Nest wie Sisne Khola.

At work vor dem Haus von Sita Rai in Sisne Khola.
At work vor dem Haus von Sita Rai in Sisne Khola.

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