12 Minuten zeigt es mir an auf Google Maps. Der Fussweg von meiner Unterkunft zu meinem Praktikumsplatz. 12 Minuten sind locker machbar, denk ich mir, gehe knapp aus dem Haus und komme zu spät. Der Weg ist kurz, aber ein Spiessrutenlauf. Schlaglöcher, Linksverkehr, massenhaft Autos, die keinerlei Absichten hegen zu bremsen. Im besten Fall wird man angehupt, im schlimmsten Fall angefahren. Die Combi-Busse tragen denn auch passende Namen wie «Danger Zone» «Wild Things» oder «In God we trust».
Ich bewege mich ungeschmeidig. Mein Blick ein Scheibenwischer, rechts, links, rechts, links. Ich zögere lange, bevor ich mich traue, Strassen zu überqueren. Ich zögere so lange, dass eine ältere Frau Mitleid mit mir hat, mich bei der Hand nimmt und sagt: «Come with me, otherwise you grow old here.»
Das wird künftig meine Strategie. Ich überquere gemeinsam mit den Hararern, Hararerinnen die Strassen, quasi in ihrem Windschatten und mit ihren leicht belustigten Aufmunterungen. «You’ll get there!», «Don’t wait for the right moment, there is no such moment». Bald schaff ich die 12 Minuten in einer guten Viertelstunde.
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Am Sonntag ist das Quartier, wo ich wohne, vergleichsweise ruhig. Plötzlich bricht Unruhe aus, zwei Strassenhändler geraten in Streit. Sofort schliessen sich den jeweiligen Männern ihre jeweiligen Unterstützer an. Manche haben grosse Steine in der Hand und drohen damit, diese zu werfen. Ich bleib stehen, weil ich nicht weiss, in welche Richtung ich weiterlaufen soll.
«Hey, are you alright?», ruft ein junger Mann von der gegenüberliegenden Strassenseite, springt über eine Absperrung und zieht mich auf die andere Seite. Sein Name ist Joel, er interessiert sich für Architektur und gehört zu einer Gruppe von Skatern, die den verkehrsärmeren Sonntag nutzen, um zu trainieren. Was aber immer noch bedeutet, hin und wieder zwischen LKWs zu skaten. Wir kommen ins Gespräch und er erklärt mir das «At least» -Mantra, mit welchem viele Menschen in Simbabwe leben würden, einem Land, das seiner Bevölkerung fast alles abverlangt. Wo er wohne, gebe es seit zwei Wochen kein fliessendes Wasser mehr, aber er denke sich einfach «at least we have electricity»; und die Strassenhändler, die aneinandergeraten sind, gingen wohl Abend nach Hause und denken sich «At least I didn’t get hurt.»

Simbabwe sei ein schwieriges Land, um darin zu leben, mit einer brutalen kolonialen Vergangenheit, und einer Gegenwart, die geprägt ist von Korruption, politischer Repression und Ausbeutung. «Zimbabwe’s always in some kind of crisis, but we’ve gotten used to it. It might sound sad, but it’s also part of what makes us resilient. And we support each other. Our kindness makes us strong.”
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Was mir besonders auffällt und das Ankommen in Harare für mich einfach macht, ist die umwerfende Freundlichkeit und Zugewandtheit vieler Leute. Bei der Arbeit wurde ich offen empfangen. Mit Geduld und einem grossartigen Sinn für Humor erklären meine Arbeitsgspänli, was es zu erklären gibt. Schon in den ersten Tagen nehmen mich meine Kollegen und Kolleginnen mit in Bars, an Konzerte oder Filmabende. Und der lokale Ping-Pong-Club hat mich vorübergehend aufgenommen.

Quelle: Soke
