Demo am 2. Jahrestag der freien Wahlen

Manifestation au theater municipale
Manifestation au theatre municipale Tunis
Manifestation au theatre municipale de Tunis

Kurzes Interview mit einem jungen Demonstranten. (02:23)

TUNIS – 23. Oktober 2013 – Mehrere Hundert junge Tunesier haben im Zentrum von Tunis schon vor dem offiziellen Termin am Mittag gegen die Übergangs-Regierung demonstriert. Die tunesische Opposition angeführt von den Parteispitzen von Nidaa Tounes ist kurz nach Mittag aus der Avenue Paris in die Avenue Bourguiba eingeschwenkt und hat sich mit den vielen hunderten Anwesenden vor dem „Theatre Municipale de Tunis“ versammelt. Die Demonstranten schwenkten die tunesischen Fahnen und sangen die Nationalhymne. Die Strasse war vom Theater bis zum Hotel Africa voll von Menschen und ein Meer in rot. Etwa 4000 – 5000 Menschen haben an der Demonstration teilgenommen, die anschliessend zum Regierungssitz Kasbah weiter gezogen ist.

Sehr viele junge Leute sind hergekommen, aber auch ältere, die gesamte Bevölkerung ist vertreten. Slogans gegen die Regierung werden gerufen, junge Männer auf den Schultern von andern feuern die Menge an. Das berühmte „Dégage“ wurde gerufen, das nach der Ermordung des linken Oppositionspolitiker Chokri Belaïd gegen die Übergangs-Regierung berühmt wurde. Die Frauen haben mit Trillern die Atmosphäre friedlich gehalten. Ein grosses Polizeiaufgebot hat sich vor dem Innenministerium und vor den internationalen Hotels und Botschaften aufgestellt.

Viele sind aus Wut und Trauer über den Zustand des Landes hergekommen, und weil sie Ennahda, die islamistische Regierungspartei nicht mehr an der politischen Spitze von Tunesien sehen wollen. Sie haben Schilder mitgebracht mit Aufschriften wie „Sogar wenn du stark verletzt bist liebes Tunesien, du bist weit davon entfernt tot zu sein“ – oder „Ein grossartiges Land wird von einer minderwertigen Regierung regiert“.

foule

Die meisten der Demonstranten glauben nicht, dass die islamistisch dominierte Übergangsregierung heute Nachmittag abdanken wird. Nachmittags beginnt der nationale Dialog und sämtliche Parteien werden den Fahrplan einhalten müssen, der auch die Demission der Regierung in drei Wochen verlangt. Aber genau darum sind die Menschen heute hergekommen. Sie wollen ihrem Willen trotzdem Ausdruck geben, dass sie genug haben von dieser Regierung und dass sie erwarten, dass sie abdankt. Die Hoffnung haben wir noch nicht aufgegeben, sagen die meisten, auch wenn sie weit wenig kämpferisch klingen und zwei Jahre nach den ersten freien Wahlen auch desillusioniert wirken. Die Menschen sehen sich an, diese paar Tausend Menschen auf der Avenue Bourguiba, das wird nicht reichen um eine Regierung zu stürzen.

Der nationale Dialog wird nach Ansicht von vielen befragten Demonstranten nicht viel bringen, weil die meisten Leute hier gesehen haben, dass die Opposition schon seit zwei Jahren mit den Islamisten verhandelt und nicht weiter gekommen ist. Die Übergangs-Regierung hat trotz Ankündigung der Teilnahme am runden Tisch ihren Willen noch nicht bekräftigt, zu demissionieren. Alle drei Parteien müssen die Regierung verlassen, das fordern die Demonstranten..

„Wir glauben nicht mehr daran, was uns die Regierung auftischt, sie erzählt uns immer nur ein Bruchteil der Wahrheit. Sie haben das Land an den Abgrund geführt und weil sie dafür sogar gegen das Gesetz verstossen haben, werden sie nicht abdanken“, das meint eine Künstlerin. Und ein Architekt sagt, „die Islamisten haben nur Hass gesät und sonst nichts“. Ein Student ist sogar aus Brüssel angereist um heute an diesem Tag zwei Jahre nach den Wahlen dabei zu sein. Er will auch als Auslandtunesier seinem Volk die Unterstützung zusichern. „Dieses Land hat eine bessere Regierung verdient, welche Situation nicht noch weiter verschlechtert“, sagt er.

Von Christina Omlin

Christina Omlin berichtet für die Agentur Tunis Afrique Press im September und Oktober 2013 in Tunis. Sie hat bis Ende 2012 für Schweizer Radio und Fernsehen SRF gearbeitet, war mehrere Jahre in der Programmleitung von SRF 2 Kultur und zuvor in der Abteilung Information als Produzentin und Moderatorin des Newsmagazins info3 und als Online-Journalistin tätig. Ursprünglich ausgebildete Musikerin, ist sie als Musikkritikerin für verschiedene Zeitungen in den Journalismus eingestiegen. Christina Omlin hat ein grosses Interesse an sozialen Medien und wie die many-to-many Kommunikationsformen gesellschaftliche Veränderungen bewirken können. Zuletzt hat sie dazu im Rahmen eines Nachdiploms in “conflict analysis und conflict resolution” an der Universität Basel recherchiert.

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