Kirche und Moschee bleiben im Dorf

Tansania ist islamisch und christlich geprägt. Beide Religionen werden im Alltag praktiziert und gepflegt. Ein paar Gedanken und ein Lied.


Eines Vorneweg: Ich bin Christ, aber nicht besonders praktizierend. Ich gehe etwa ein- bis dreimal pro Jahr in die Kirche. Und ich hoffe jedes Mal, wenn ich in ein Flugzeug steige, dass es Gottes Plan ist, dass der Flieger mit mir und den anderen Passagieren heil und sicher am Zielort ankommt. Das hat aber Antoni Nteme, einen Viehhändler, nicht davon abgehalten, mich zu einem Gottesdienst einzuladen. Und so bin ich heute morgen etwas unverhofft mitten in der wöchentlichen Samstagspredigt einer Adventistengemeinde gelandet.

Unter fünf noch recht jungen Bäumen vor der brennenden Mittagssonne geschützt, auf Plasticstühlen und Holzbänken sitzend wohnen etwa 60 Brüder und Schwestern der Predigt bei. Die Kinder sitzen auf einem Teppich, manche schlafen auf den Stühlen. Die Erwachsenen hören der predigt zu oder sind in das Bibelstudium vertieft – manche machen das auf dem Smartphone. Auf einer Art überdachten Bühne haben verschiedene Pastoren das Wort. Und das Wort Gottes dröhnt bis weit in das Dorf hinein, dafür sorgen drei Lautsprecher, die rechts von der Bühne zum Publikum gerichtet sind.

Nach einer Weile werde ich gebeten, meinen Namen auf einen Zettel zu schreiben. Und plötzlich wechselt einer der Pfarrer ins Englische und begrüsst mich. „Welcome, Mr. Hans, welcome to our church“, sagt er. Ich winke und bedanke mich für die temporäre Aufnahme in der Gemeinschaft und der Openair-Kirche.

Was danach folgt, sind laute und weniger laute Predigten und Vorlesungen aus verschiedenen Bereichen der Bibel – es geht um Demut, Arbeitsmoral und der Achtung vor Gott, natürlich in Kiswahili und damit ausserhalb dessen, was ich verstehen kann. Und es wird auch gesungen, Gott gedankt und das Leben gepriesen. Zwischendurch steht man für das Gebet auf, oder wird gebeten, hinzuknien. Für Antoni ist der Samstag der wichtigste Tag in der Woche – der Viehhandel muss dann Warten. Er hat sein bestes Hemd und seine besten Hosen angezogen und interessiert sich für einmal nicht für Viehpreise.

Religion ist in Tansania ein wesentliches Thema, denn das Land wurde einerseits von europäischen – christlichen – und andererseits von arabischen – islamischen – Händlern, Geschäftsleuten und Missionaren besucht. Vielleicht wäre heimgesucht das bessere Wort, bedenkt man die bedeutende Rolle der Häfen als Umschlagplatz von Sklaven, sowie die Missionsarbeit und die systematische Ausbeutung als Kolonialgebiet. Davon übrig geblieben sind nicht nur der Hafen von Dar Es Salaam, sondern auch zwei Glaubensgemeinschaften, die sich irgendwie arrangieren müssen: Die Christen und die Muslime.

In den letzten zwei Monaten habe ich noch nicht genau verstanden, wie sich die beiden Glaubensgemeinschaften gegenüberstehen. Schenkt man den Reisehinweisen des Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA Glauben, können religiöse Spannungen „die Ursache von kurzfristigen, lokalen Gewaltausbrüchen sein.“ Am fünften Mai 2013 hat ein Anschlag vor einer Kirche in der Nähe von Arusha mehrere Menschen verletzt und einige getötet.

Diese Realität des Risikos prallt aber am Alltag in den Dörfern und in der Stadt ab. Spricht man nämlich mit Muslimen und Christen, sind sie gleichermassen stolz und sagen, dass sie zu der Mehrheit gehören, dass mindestens zwei Drittel der Bevölkerung christliche bzw. islamisch sind. In dieser Hinsicht sind sich die Anhänger der beiden Glaubensgemeinschaften wenigstens einig.

Jeden Morgen, zwischen 4.30 und 5.00 werde ich daran erinnert, dass ich auch in einem islamischen Land wohne. Dann nämlich begrüsst der Imam der benachbarten Moschee in meinem Quartier zum ersten der fünf täglichen Gebete. In unserer Unterkunft – drei Deutsche, ein Italiener und eine Italienerin, ein Saudi und ich aus der Schweiz – haben wir schon darüber gewitzelt, was passieren würde, wenn wir einen Stromausfall herbeiführen würden. Am Donnerstag sind die Ideen am unkonventionellsten – dann nämlich wenn der Imam zwischen 20.00 und 21.00 eine ganze Stunde lang die Gebete für den Freitag spricht bzw. singt. Am Ende geht man selbst als Christ ins Bett und hört noch das „Allah Akbar“ in seinen Ohren läuten. Und es ist auch das Erste, was am Morgen wieder durch das Quartier schallt.

Dass der Islam nun wegen der zahlreichen und lauten Moscheen allgegenwärtig ist, ist allerdings ein Trugschluss. Denn wenn ich im Büro bin und in der Kantine den Reis, das Fleisch, die Bohnen und das Gemüse esse, werde ich Zeuge von gelebter Religion. Manch ein Arbeitskollege spricht ein kurzes Gebet vor dem Essen. Die einen bekreuzigen sich dreimal, die anderen sitzen kurz vor ihrem dampfenden Mahl, halten inne.

Der Fahrer der Schweizer Botschaft, der mich vor fünf Wochen von Dar Es Salaam nach Dodoma mitgenommen hat, hat auf seinem Smartphone eine Bibel-App installiert und liest regelmässig die Heilige Schrift. Antoni Nteme ist ein begeisterter Kirchgänger und betet regelmässig. Sowohl Christentum als auch Islam werden aktiv praktiziert und gepflegt. Beide Religionen scheinen den Raum zu erhalten, den sie benötigen.

Die 'Open-Air'-Kirche der Adventistengemeinde in Pugu.
Die ‚Open-Air‘-Kirche der Adventistengemeinde in Pugu.

 

 

 

 

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