Kathmandus neuste Sehenswürdigkeit

Die Einheimischen in Kathmandu fotografieren keine Tempel und auch nicht den erschlagenden Verkehr, sondern den neusten Import aus Europa.

 

Kathmandu ist seit einer Woche um eine Attraktion reicher. Nicht dass die Stadt das nötig hätte. Bei inoffiziell 5 Millionen Menschen, die scheinbar alle gleichzeitig unterwegs sind, gibt es für uns Ausländer genug zu sehen und zu hören. Manchmal auch mehr als genug, so zu Stosszeiten im undurchdringlichen, ständig hupenden Gewimmel aus Taxis, Bussen aller Grössen, Motorrädern mit bis zu vier Personen darauf, zwei- und dreirädrigen Velos, die Eier, Gasflaschen oder himmelhoch gestapelte Kartons unbekannten Inhalts transportieren, Fussgängern, Hunden, Kühen.

Swastika auf Backstein
Die Swastika ziert Backsteine.

Aber auch pittoreske Sehenswürdigkeiten hat die Stadt zu bieten. Die Teenies treffen sich hier nach der Schule nicht beim Denner, sondern sitzen auf religiösen Stätten herum. Besonders in Patan, der Stadt im Süden Kathmandus, die längst zu einem Stadtteil geworden ist, steht buchstäblich an jeder Ecke ein Tempel. Was gewisse Schwierigkeiten bei Wegbeschreibungen mit sich bringt: „Geradeaus, dann kommt ein Tempel, dann geradeaus weiter, dann rechts und wieder links.“ Das beantworten wir auf nepalesische Art mit einem höflichen Lächeln. Falls wir wider erwarten doch etwas verstehen, nicken wir nicht, sondern schütteln den Kopf.

Es ist eben alles etwas anders hier. Das Hakenkreuz prangt unverdorben auf Backsteinen, in Tempeln, auf T-Shirts. Die 100-Rupien-Banknote ist einer Ecke mit der Zahl 900 angeschrieben. Man schreibt das Jahr 2071. Die Zeitverschiebung zur Schweiz beträgt nicht 3 Stunden und nicht 4 Stunden, sondern 3:45 Stunden. Und was hier die neuste Sehenswürdigkeit ist, könnte man in Zürich auf den Paradeplatz stellen, ohne dass es die geringste Aufmerksamkeit erregen würde.

100-Rupien-Note
Eine 100-Rupien-Note – wie unten links deutlich angeschrieben ist.

Trotz den kulturellen Schwierigkeiten klappt die Verständigung gut. Da ist einmal das erwähnte omnipräsente Lächeln, das einhergeht mit einer endlosen Geduld, so dass der ganze Strassenverkehr ohne Fluchen fliesst oder auch stehenbleibt. Hinzu kommt der obligatorische Englischunterricht an Schulen. Die Wäscherei ist nur in Nepali angeschrieben ist, doch nachdem wir sie anhand des Regals voller Wäsche erkannt haben, gelingt es uns dank der Übersetzungshilfe eines geschätzte zehn Jahre alten Jungen, einen Preis für das Waschen unserer Kleider auszuhandeln.

Dass wir überhaupt so viel Wäsche haben, hängt unter anderem mit der neuen Sehenswürdigkeit in Kathmandu zusammen. Diese zieht die Blicke der Einheimischen auf sich und ist ein beliebtes Fotosujet. Eltern zeigen sie ihren Kindern und Schulmädchen stupsen einander an, wenn sie daran vorbeigehen. Manche zücken das Handy, um ein Foto zu machen. Andere wagen es, die Attraktion zu berühren, und von einem kleinen Nepalesen gab es gar einen Kuss.

Bei der neuen Sehenswürdigkeit handelt es sich um unseren zweijährigen Jungen. Er ist blond.

Boudhanath Stupa
Mein zweijähriger Sohn vor der berühmten Stupa von Boudhanath.

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